Engagement für Stolpersteine seit 2005

Stolpersteine für die Opfer des Nazi-Terrors  werden seit dem Jahr 2000 vom Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt. Die Steine sollen die Erinnerung an die rassisch und politisch Verfolgten und Ermordeten aufrechterhalten. Sie erinnern an die Opfer des NS-Regimes: Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, Sozialdemokraten, Widerstandskämpfer, Gewerkschafter, Homosexuelle und psychisch Kranke. Bisher wurden in Europa 46.000 Steine gelegt, in Berlin 5.500.

Eine unmenschliche Bürokratie hatte die Menschen zu Nummern degradiert, die ihre Namen auslöschen wollte. Durch die Stolpersteine soll diesen Menschen ihr Name, ihre Identität, ihre Würde zurückgegeben und die Erinnerung an sie wach gehalten werden. Denn ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Oder wie ein jüdisches Sprichwort sagt: Ein Mensch, dessen Name vergessen wird, stirbt zum zweiten Mal. Dadurch, dass die Steine im öffentlichen Raum vor den Wohnhäusern verlegt werden und wir auf unserem Weg über die Namen „stolpern“, wird die Erinnerung in unseren Alltag einbezogen.

Die Verlegung der Stolpersteine und die Übergabe der Steine an die Öffentlichkeit ist das Ergebnis einer Suche nach den Lebensspuren der deportierten und ermordeten Nachbarn.

Auf den Stolpersteinen selbst sind die Worte: HIER WOHNTE, der jeweilige Name, das Geburtsjahr und das Deportationsdatum, der Todesort sowie das Todesdatum eingraviert.  Mehr Platz ist nicht vorhanden. Manchmal ist auch mehr Information über die Menschen nicht zu finden: Adressbücher, Karteikarten, Gedenkblätter, Transportlisten beinhalten meist nicht mehr als eben diese Daten. Der Gang in die Archive ist nur dann erfolgreich, wenn der deportierte Mensch Verwandte, Ehepartner oder auch Geschäftspartner hatte, die sich nach dem Krieg an die Ämter wandten und aus deren Korrespondenz, die sich oft Jahre oder sogar Jahrzehnte hinzog, die Lebensumstände der Verfolgten entnommen wer-den können. Wenn es viel Archivmaterial gibt, oder dann, wenn man Kontakt zu Verwandten bekommt, erfährt man, was die Person einmal von Beruf war, was sie besaß, wen sie hinterließ, was den Verwandten zu stieß; und manchmal auch, was das für ein Mensch war, was er vielleicht anstrebte oder sich gar erträumte – oder auch einfach, was er las, hörte oder welche Freunde und Talente er hatte.

Diese neue Form des aktiven Gedenkens erwächst nicht aus antiquarischem Erinnern, sondern aus der Konfrontation mit Ausgrenzung, Isolierung, Ausbeutung und Ermordung einzelner Opfer. Der Zivilisationsbruch wird nicht verstehbar, wenn nur die gewaltige Zahl der Millionen Opfer im Vordergrund steht; sondern dann, wenn man den Lebens- und Leidensweg eines einzelnen Menschen verfolgen kann, und daran sieht, wie Stigmatisierung und Ausgrenzung politisch organisiert und gesellschaftlich akzeptiert wurden. Die große Zahl verstellt alles Erklärbare.

Da die verfolgten Menschen, die zunächst als Feinde, Fremde, Plutokraten, Unwerte „präpariert“ und schließlich als solche „anerkannt“ wurden, fanden die nachfolgenden „Maßnahmen“ der Ausgrenzung, Ausplünderung und schließlich der „Abschiebung“, die Mord bedeutete, Akzeptanz. So wird ein Verbrechen, das in seinem Umfang unbegreiflich ist, mittels eines Stolpersteins begreifbar. Kinder und Jugendliche nehmen freiwillig und aktiv an diesem Projekt teil, weil der Fokus immer auf einen Menschen gerichtet ist und auf dessen Erleben von Diskriminierung. Das kann sich ein junger Mensch vorstellen. Er ist vielleicht schon selbst mit Vorurteilen, Aggressivität und Brutalität konfrontiert worden. Vielleicht hinterfragt er jetzt, ob es richtig ist, solche Haltungen zu akzeptieren, sich an solchen Aktionen zu beteiligen.

Für Menschen jeden Alters kann aus dem Erinnern, Gedenken und Trauern auch eine persönliche Erkenntnis entstehen: Wenn die Vergangenheit uns heute berührt und wir darüber nachdenken, ob wir damals Mitläufer oder gar Akteure gewesen wären, ob wir uns vom Mitmenschen abgewendet hätten oder ob wir fähig gewesen wären, Widerstand zu leisten oder unsere Hand zur Hilfe auszustrecken. Diese Reflexion wird vielleicht auch unser heutiges Handeln bestimmen. Das Mitleiden mit den Ermordeten führt nicht zu einer Anklage der vorangegangenen Generationen, sondern zu einer Überprüfung der eigenen Haltungen. Die Stolpersteine irritieren uns, weil sie vor unseren Häusern liegen und auch auf diese Weise auf uns verweisen. Die Kenntnis davon, wie die Verbrechen möglich wurden, kann uns dazu veranlassen, in der Gegenwart davon Kenntnis zu nehmen, was in unserer unmittelbaren Umgebung dem Mitmenschen angetan wird oder auch den Vielen in der entferntesten Welt, denn auch dort geschehen die Verbrechen an der Menschlichkeit nicht im „Geheimen“ – dank der weltweiten Medien-Vernetzung.

Angehörige und Nachfahren von NS-Opfern reisen zu den Übergabezeremonien an und erzählen von dieser neuen Form des Gedenkens, sodass in diesem Personenkreis der Wunsch entsteht, ebenfalls Stolpersteine für Angehörige legen zu lassen. Angehörige und Nachfahren fühlen und erkennen, dass hier einzelner Menschen gedacht und Trauer und Empathie empfunden wird. Der Kommunikationsraum, in dem die Nachkommen der Opfer und die der Täter gemeinsam über ein Kunstwerk ins Gespräch kommen, erweitert sich gleichfalls, indem Erinnerungsräume erschlossen werden, in welchen generations-übergreifend Gespräche über verdrängte Erinnerungen möglich werden. Mit den Stolpersteinen werden Erinnerungen in die Gegenwart gerückt. Von den einen werden diese selbstkritisch geprüft, von den anderen werden die Erinnerungen – manchmal erstmals – zugelassen.

Ein kleiner Stolperstein bewirkt, dass uns die Handlungen der Täter und Mitläufer deutlich werden, dass wir die langen Leidenswege der Opfer nachempfinden können und dass Kinder der Täter und der Opfer gemeinsam um einen Toten trauern – und das viele Tausend Mal.

Das Stolpersteinprojekt wird getragen von der Zivilgesellschaft und ist basisdemokratisch organisiert. Ich bin Mitglied der Initiativgruppe  Stolpersteine  Stierstraße. In dieser Straße haben wir 57 Stolpersteine und eine Stolperschwelle für die ehemalige Synagoge gelegt.

Auf der kleinen Grünanlage vor der Kirche und direkt hinter den Stolpersteinen befindet sich die Informationstafel der Initiativgruppe Stolpersteine Stierstraße. Sie enthält Dokumente, die bei den Recherchen zu den Lebensläufen der Opfer der Vernichtungsmaschinerie gefunden wurden sowie Dokumente und Briefe aus den Wiedergutmachungsakten, Fotos von Stolpersteinverlegungen und den Zeremonien der Übergaben der Stolpersteine an die Öffentlichkeit und Fotos und Redebeiträge der Angehörigen, die an den Verlegungen der Stolpersteine für ihre Verwandten teilgenommen haben.

Seit auch Fotos von geschändeten Stolpersteinen hier dokumentiert wurden, sind die Anteilnahme und das Interesse der Nachbarn aus der Stierstraße und des gesamten Viertels noch gestiegen. Besucher des Seniorenheims, Schüler und sogar Kindergartenkinder haben Putzpatenschaften für Stolpersteine in der Stierstraße übernommen.

Mein Engagement erstreckt sich inzwischen auf weitere Opfer des NS-Terrors, das heißt ich beteilige mich an Stolperstein-Verlegungen auch in anderen Straßen Berlins. Auch erstelle ich Alben mit den Lebensläufen von Verfolgten des Nazi-Regimes für die Ausstellung Wir waren Nachbarn im Rathaus Schöneberg. Ich halte Vorträge in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen und engagiere mich gegen Rechte Gewalt beziehungsweise Neofaschismus; die Angriffe, die im vorigen und diesem Jahr auf mich erfolgten, bestärken mich in meinem Engagement – zeigen sie doch, dass ein Teil unserer Gesellschaft auch 70 Jahre nach Beendigung der NS-Herrschaft keine Bereitschaft zeigt, sich mit den Verbrechen zu befassen und der Opfer zu gedenken.

Über Petra Fritsche

Stadtspaziergänge in Berlin
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