Übergabe von vier Stolpersteinen an die Öffentlichkeit

Im Mai erhielt ich einen Anruf von Hans Schmal aufgrund einer Suchanzeige in der Zeitschrift Berlin aktuell. Da ich im Namen der  Initiativgruppe Stolpersteine Stierstraße, deren Mitglied ich bin, diese Anzeige aufgegeben hatte, wandte Hans Schmal sich an mich, in der Annahme, ich sei allgemein zuständig bzw. Ansprechpartnerin für Stolpersteine. Ich hatte Herrn Schmal deshalb die entsprechenden Vermittlungsstellen am Telefon genannt.
Danach beschlich mich allerdings das ungute Gefühl, hier ein Anliegen sozusagen
weitergereicht zu haben, weil ich ja nicht „zuständig“ war.  Also rief ich zurück – und daraus entwickelte sich eine rege Korrespondenz und viele intensive Gespräche am Telefon.

Meistens geht man auf der Suche nach den Lebensläufen der deportierten und ermordeten Juden in die Archive; in diesem Fall jedoch erhielt ich die meisten Informationen von Hans Schmal selbst; zum einen durch seine Schilderungen, wie er als kleiner Junge seine Großeltern erlebt hatte und vor allem aus seinem Buch über seine Familie, das er mir aus Israel schickte. Das Buch ist in Hebräisch geschrieben, und Hans und Rina Schmal erzählten mir am Telefon, wer auf den Fotos zu sehen ist und was die Verwandten erlebt haben bzw. erleiden mussten. Inzwischen ist ein Teil des Buches übersetzt, und Hans
Schmal schildert darin gleichfalls auch widerständige und mutige Taten und
Worte, die seinen Eltern das Leben erträglicher machten.

Wir befinden uns hier in einer Straße, die deutlich vom Krieg gezeichnet ist: Nur wenige Häuser sind in ihrer bürgerlichen Pracht erhalten, die meisten Häuser sind verschwunden und an ihrer Stelle sind gesichtslose Neubauten entstanden, so auch das Haus Nummer 7, in dem die Großeltern von Hans Schmal wohnten – Max und Minna Schmal, und ihre Tochter Edith und deren Mann Rudolph. Edith und Rudolph lebten nach ihrer Hochzeit seit Ende der dreißiger Jahre in der Fünf-Zimmer-Wohnung bei den Eltern, zudem wurden 3 weitere Untermieter zwangsweise einquartiert. Den jüdischen Bürgern wurde 1940 der Mieterschutz aberkannt, und die Nazis wiesen immer mehr Juden zu anderen Juden ein, was die Deportationen aus diesen dann sog. Judenwohnungen für die Gestapo vereinfachte. So wohnten nun 7 Erwachsene in der Wohnung, und die Tochter musste erleben, wie ihre Eltern 4 Monate, bevor sie selbst mit ihrem Mann deportiert wurde, abgeholt wurden. Max und Minna Schmal wurden nach Riga transportiert und unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet. Edith und Rudolf May wurden nach Auschwitz deportiert.

Hans Schmal war 1942 ein siebenjähriger Junge. In seinen Erinnerungen schreibt er:

„Die Trennung von meinen Großeltern sowie Tante Edith und Rudi May war schwer. Wir fuhren zu ihrem Haus in der Courbièrestraße. Wir saßen am Tisch und tranken etwas, redeten leise und schwiegen. Dann erhoben
wir uns und standen noch im Flur. Es war schwer, sich zu verabschieden. Ich begriff  die wahre Bedeutung dieses Abschieds nicht, nur, dass es traurig war.“
 

Heute vor 70 Jahren, am 18. Oktober 1941, verließ der erste Berliner „Osttransport“
mit 1.089 jüdischen Kindern, Frauen und Männern den Bahnhof Grunewald in
Richtung Ghetto Litzmannstadt. Der Berliner Senat und die Jüdische Gemeinde zu
Berlin haben heute Nachmittag mit einer gemeinsamen öffentlichen Veranstaltung
am Denkmal „Gleis 17“ an den Beginn der nationalsozialistischen Deportationen aus Berlin erinnert. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, und die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, haben dort gesprochen.

Zu den etwa 60.000 Menschen, die von diesem Bahnhof in die Lager und Ghettos im Osten Europas deportiert wurden, gehörten auch Max und Minna Schmal und ihre Tochter Edith und deren Mann Rudolph. Wir gedenken ihrer hier, am Ort ihrer Deportation. Wir haben erst vor kurzer Zeit von ihnen erfahren, heute wissen wir etwas mehr über sie.

Wir trauern um sie – und wir danken Hans und Rina Schmal, dass sie heute hier
sind und wir unser Gedenken mit ihnen teilen dürfen.

Einladung

Über P. Fritsche Beitragsschreiberin

Stadtspaziergänge in Berlin
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